Mobilität im Wandel: Qualitätsstandards für eine erfolgreiche Transformation

11. Juni 2026Audit

Unter dem Schlagwort Dekarbonisierung durchlebt der europäische Verkehrssektor einen Strukturwandel. Ressourceneffizienz, neue Antriebstechniken und Digitalisierung lösen einen hohen Innovationsdruck in den Wertschöpfungsstufen aus. Hinzu kommen neue Anforderungen, um die militärische Mobilität mit zivilen Systemen zu kombinieren.

Die Stärkung der Intermodalität ist für die deutsche Luftverkehrswirtschaft ein wichtiger Baustein für mehr Klimaschutz, indem mehr Reisende zum Umstieg auf die Schiene bewegt werden sollen. Infolge des Strukturwandels verändern sich die Kontaktknotenpunkte zwischen Herstellern, Erstausrüstern und ihren Zulieferern. International erprobte Qualitätsstandards werden für eine reibungslose Zusammenarbeit nochmals wichtiger. Folglich sind die Betriebe auf allen Marktstufen der Automobil-, Luftfahrt- und Bahnindustrie herausgefordert, ihre operativen und regulatorischen Fähigkeiten an die neuen Rahmenbedingungen auszurichten und unter Beweis zu stellen.

Automobil: Standards für Typengenehmigungen und qualitätsgesicherte Dienstleister

Flottengrenzwerte, die in den nächsten zehn Jahren CO2-Reduktionen von bis zu 90 Prozent erreichen sollen, eigene Recyclingstrukturen und alternative Antriebsformen treiben die automobile Transformation voran. Emissionsreduzierende Technologien, digital vernetzte Mobilitätsdienste und Fahrerassistenzsysteme sind zu Kernfunktionen im Fahrzeugbau geworden. Sie haben teils höhere Ertragspotenziale als die bisherigen Werttreiber wie Karosserie, Fahrwerk und Motorleistung. Gleichzeitig müssen die neuen Entwicklungen mit den Vorschriften der UNECE Regelungen genehmigungskonform sein.
Eine Typengenehmigung setzt vor allem die Zertifizierung der genehmigungsrelevanten Anforderungen (GRA) voraus. Sie gilt für serienmäßig hergestellte Fahrzeuge oder Fahrzeugkomponenten. Hierfür sind ein zertifiziertes Qualitätsmanagementsystem (QMS) nach ISO 9001 oder ein vergleichbarer Standard wie IATF 16949 im Bereich Automotive die Grundlage. Die Audits erfolgen anhand der Spezifikationen, die vom deutschen Kraftfahrtbundesamt (KBA) oder von der luxemburgische Zulassungsbehörde Société Nationale de Certification et d’Homologation (SNCH) vorgegeben werden.
GRA-zertifizierte Antragsteller weisen der Genehmigungsbehörde nach, dass sie die fortlaufende Überprüfung ihrer betrieblichen Verfahren und Abläufe mit einem QMS gewährleisten. Das ist die sogenannte CoP-Konformität. Präventiv-, Kontroll- und Korrekturmaßnahmen müssen wirksam umgesetzt sein. Nicht-konforme Produkte müssen aus dem Markt zurückgerufen und ein Einfluss auf Fremdfertiger genommen werden können.
Für kleine und mittlere Unternehmen im Automotive-Sektor, die kein vollwertiges zertifiziertes QMS haben und es auch nicht planen, besteht die Möglichkeit einer KBA-Verifizierung. Hierfür überprüfen Spezialisten von DEKRA zum Beispiel in den Fertigungsstätten, ob die Produkte in einer konstanten Qualität, genehmigungskonform produziert werden. Das Ergebnis ist die überprüfte CoP-Auskunft, die für eine KBA-Anfangsbewertung oder für Wiederholungsprüfungen geeignet ist. Inhaber der CoP-Auskunft können eine EU-Typengenehmigung beantragen und so zeiteffizient erweiterte Marktzugänge bekommen oder sie aufrechterhalten.
Weil nahezu alle Dienstleister der Automobilkette einen direkten Einfluss auf die Produktqualität haben, haben sie mit dem VDA 6.2 einen eigenen QM-Systemstandard. Der Anwenderkreis ist entsprechend weit gefasst. Er reicht von Logistik- und Transportunternehmen, über Autohäuser und Werkstätten bis hin zu Ingenieurbüros und Prototypenherstellern. Zwar basiert der VDA 6.2 auch auf der QM-Norm ISO 9001. Zur Auditierung der Dienstleistungsprozesse ist er jedoch deutlich praxisnäher. Die Schwerpunkte des detaillierten Fragenkatalogs richten sich auf das Projektmanagement, die Dienstleistungsentwicklung, die Realisierungsprozesse mit den vorhandenen personellen und materiellen Ressourcen sowie Zielvereinbarungen und Maßnahmen zur Qualitätssicherung bei Subunternehmen.

Luftfahrt: Die DIN EN 9100 für ein lückenloses Qualitätsmanagement

Der Luftverkehr steht ebenso vor der Herausforderung, seine Klimaauswirkungen zu reduzieren. Antriebssysteme werden auf die steigenden Quoten zur Beimischung alternativer Treibstoffe (Sustainable Aviation Fuels) ausgelegt. Auch der weit verbreitete Einsatz neuer Verbundwerkstoffe und additiver Verfahren führt zu strukturellen Veränderungen in der Produktion. Mit ihnen muss das Qualitätsmanagement in den Lieferketten Schritt halten. Gerade die branchentypischen Einzelfertigungen und hohen Auftragsbestände an der Kapazitätsgrenze lassen die Risiken potenzieller Qualitätsmängel, Produktionsfehler und Lieferverzögerungen ansteigen.
Die Voraussetzungen einer hohen Produktqualität und Liefersicherheit sind eindeutige Bezugskonfigurationen und die Sicherstellung einer beherrschten Umgebung. Kundenanforderungen sind auf allen Konfigurationsebenen – bis hin zu den Stücklisten eines Auftrags – systematisch zu steuern. „Die Organisation muss die Prozesse planen, umsetzen und lenken, die, angemessen für die Organisation und das Produkt, notwendig sind, um die Produktsicherheit während des gesamten Produktlebenszyklus sicherzustellen“, heißt es hierzu im Leitstandard der Luft-, Raumfahrt- und Verteidigungsindustrie, der Norm DIN EN 9100.
Die Norm ist weltweit bewährt und für die Entwicklung, Produktion und Montage gleichermaßen geeignet. Im Kern stehen Analysen der operationellen Risiken, Prozesse zur Rückverfolgbarkeit der verwendeten Materialien sowie exakte Dokumentationen zur Qualifizierung des Personals. Die gemäß DIN EN 9100 zertifizierten Lieferanten erhalten einen Zugang zur Anbieter-Datenbank OASIS der IAQG und können sich so gegenüber ihren Bestands- und Neukunden weltweit qualifizieren.

Bahn: IRIS Certification kombiniert mit ISO 22163 zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit

Auch die Prozesslandschaft der Bahnindustrie steckt in einem tiefgreifenden Strukturwandel. Automatisierte Schienenfahrzeuge, die grenzüberschreitende digitale Vernetzung von Kontroll- und Informationssystemen lösen eine Vielfalt neuer Kundenanforderungen aus. Hinzu kommen umfangreiche Baumaßnahmen zur Ertüchtigung und zum Schutz der Bahninfrastrukturen. In diesem komplexen Marktumfeld bietet der International Railway Industry Standard (IRIS) des Verbands der Europäischen Bahnindustrie ein bewährtes Zertifizierungssystem zum Erhalt der Prozessstabilität.
IRIS wenden Bahnbetreibende, Hersteller von Schienenfahrzeugen, Erstausrüster sowie Zulieferer, Instandhaltungs- und Entwicklungsdienstleister an. Das Regelwerk basiert auf dem internationalen QM-Standard der Bahnindustrie ISO 22163 sowie auf der High-Level-Struktur der QM-Norm ISO 9001. Mit Blick auf Projekte zur Intermodalität sind die Anforderungen in etwa mit den QM-Systemen der Automobilindustrie (IATF 16949) und der Luftfahrt (EN 9100) vergleichbar.
Das Zertifizierungsschema der IRIS Certification (ISO 22163) gibt den Audits keine betrieblichen Verfahren vor. Vielmehr werden wesentliche Aspekte einer hohen Prozessqualität behandelt. Zu ihnen zählen die Identifizierung und Überwachung der Kundenanforderungen, das Management von Entwicklungsprojekten, die Beschaffung von Produkten und Dienstleistungen sowie das Projektmanagement und die Realisierung von Produkten und Dienstleistungen. Letztlich werden alle kritischen, kundenrelevanten Prozesse abgedeckt, zu überwachenden Key Performance Indicators (KPIs) und die Maßnahmen, die eine Organisation zum risikoorientierten Denken und Handeln befähigen. IRIS Rev.04 bietet ein Schema, mit dem sich zudem der Reifegrad von Prozessen konsequent bewerten lässt – die sogenannten Maturity Levels von 0 bis 4. Zusätzlich ermöglicht ein Reifegradmodell Transparenz über den jeweiligen Umsetzungsgrad (Quality Performance Level, QPL) von IRIS certified bis zum Gold-Level.

Fazit

Die Zulieferer und Auftragsfertiger stabilisieren ihre Wettbewerbsposition im sich wandelnden Verkehrssektor durch die Einführung passgenauer Qualitätsmanagementsysteme. Damit sich auch kleinere und mittlere Unternehmen der Automobil-, Luft- und Eisenbahnindustrie marktgerecht zertifizieren lassen können, bieten die Regelwerke vereinfachte Einstiege und Zugänge zu zentralen Anbieter-Datenbanken wie IRIS-Rail der Eisenbahn- oder OASIS der Luftfahrtindustrie.
Ist das QM-System etabliert, verbessert es nicht nur das Sicherheitsniveau der Organisation und ihrer Produkte. Die steigende Prozessreife hilft, teure Nachbesserungen zu vermeiden, was die Liefer- und Kosteneffizienz insgesamt verbessert. Darüber hinaus bieten die Maßnahmen zur fortlaufenden Verbesserung mit transparenten Leistungskennzahlen wichtige Grundlagen und Anknüpfungspunkte zur weiteren digitalen und nachhaltigen Transformation.